Dorfschmiede Freienseen stärkt Gemeinschaft und gelebten Glauben, Pressebericht Gießener Allgemeine
Bei einer Visitation zeigte die Dorfschmiede, wie kirchliche Projekte Lebensqualität und Zusammenhalt im ländlichen Raum fördern.
Kann die Dorfschmiede in Freienseen ein Vorbild für kirchliche Projekte sein? Diese Frage stellte sich bei einer Visitation der Evangelischen Landeskirche in der vergangenen Woche.
„Die Dorfschmiede war mal Gerümpel im Dorf. Aber auch aus Gerümpel kann man twas Wunderschönes schaffen“ Ulf Häbel
Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Gemeinden der Dekanate Gießener Land und Büdingen besuchten den kleinen Laubacher Stadtteil, darunter Pröbstin Anke Spory (Probstei Oberhessen) und Dekanin Barbara Lang.
Fest steht: Das einstige Leuchtturmprojekt verfolgt große Ziele – mehr Gemeinschaft im Dorf, mehr Lebensqualität für ältere Bürgerinnen und Bürger und eine bessere Versorgung. Der frühere Gemeindepfarrer von Freienseen, Ulf Häbel, hatte vor 16 Jahren die Idee zur Dorfschmiede entwickelt. Im Oktober 2016 wurde das bundesweit beachtete und mehrfach ausgezeichnete Projekt schließlich eröffnet. Betreiber ist die gemeinnützige DorfSchmiede GmbH, an der die Evangelische Kirche 95 Prozent und die Stadt Laubach fünf Prozent der Anteile halten. Als Standort wählte man die alte Schmiede im Dorf.
„Die Dorfschmiede war einmal Gerümpel – aber auch aus Gerümpel kann etwas Wunderschönes entstehen“, sagt Häbel.
Zentrale Bestandteile des Projekts waren zunächst eine Tagespflege, drei seniorengerechte Wohnungen, ein Dorfladen und eine Hausarztpraxis. „Das Beste aber ist, dass die Menschen hier einen Ort gefunden haben, an dem sie sich begegnen können“, betont Häbel. „Das ist ein zutiefst christlicher Gedanke.“
Ganz ohne Rückschläge lief das Projekt allerdings nicht. Gleich zweimal konnte eine Insolvenz nur dank der Unterstützung der Stadt Laubach abgewendet werden. Zwei tragende Säulen gingen verloren: Die Arztpraxis schloss 2020, der Dorfladen Ende 2023. „Es wurde einfach zu wenig eingekauft“, sagt Häbel. „Und für den Arzt hat sich die Praxis hier leider nicht gerechnet.“
Doch Aufgeben kam für ihn nie infrage. Die früheren Praxisräume nutzt inzwischen die Gemeindepflegerin als Sprechzimmer, und anstelle des Dorfladens gibt es nun ein Dorfcafé – derzeit zwar nur sonntags geöffnet, aber schon jetzt ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Gäste. „In kurzer Zeit hat sich das Café zu einem wichtigen Ort der Begegnung entwickelt“, berichtet Häbel.
Pfarrerin Anna Scholz, Visitationsbeauftragte der Landeskirche, fragte im Gespräch: „Was genau ist an diesem Projekt eigentlich evangelisch?“ Häbel antwortete ohne Zögern: „Einfach alles. Hier in Freienseen ist die Kirchengemeinde eng mit dem Dorf verbunden. Niemand fragt, was ein Kirchenprojekt ist – weil es selbstverständlich ist, dass die Kirche überall dabei ist.“
Die sogenannten Visitationen haben in der evangelischen Kirche eine lange Tradition, die bis zu Martin Luther zurückreicht. Dabei besuchen Vertreterinnen und Vertreter der Landeskirche andere Gemeinden, um sie im Glauben zu stärken, ihre Arbeit wertzuschätzen und voneinander zu lernen. „Es geht darum, Netzwerke zu bilden und zu sehen, wie unterschiedliche Gemeinden mit ähnlichen Herausforderungen umgehen“, erklärt Scholz.
Freienseen war dabei nur eine von mehreren Stationen: Auch beim Verein „Gemeinsam statt einsam ean Träs“ im Staufenberger Stadtteil Treis und bei der Evangelischen Kirchengemeinde Holzheim standen Visitationsbesuche auf dem Programm.
(Bericht Gießener Allgemeine, 30.10.2025, von Constantin Hoppe)